| Drei Tage lang ist er eine Attraktion in der Innenstadt: Der Informationsstand der "Internationalen Flugbegleiterinnengesellschaft AIRflott". Drei Stewardessen in schicken, knallroten Uniformen schenken Sekt und Orangensaft aus, verteilen Luftballons und Gummibärchen und machen Werbung für den Flughafenausbau.
Aus den Lautsprechern dudelt ein Endlos-Song, ab und zu spricht eine sanfte Stimme: "Dabadabada - Airflott. Fliegen ist schöner. Natürlich können wir auch ohne den Flughafenausbau leben. Nur schlechter". Wer eine Teilnahmekarte ausfüllt, kann beim Preisausschreiben eine wunderschöne "Ausbautorte" gewinnen, in deren Buttercremeschnörkeln kleine Bagger und Betonmischer wühlen. Der zweite Preis ist eine rosarote Unterhose mit dem Logo von AIRflott.
Mit höchst ungewöhnlichen neuen Argumenten versuchen die Stewardessen, die Bürger für den Ausbau zu gewinnen. Zum Beispiel: "Durch die höhere Zahl an Flugzeugen entsteht mehr Wind, und die Stadt kann durch viele Windkraftwerke ihre Einnahmen verbessern". Oder: "Dank des Flughafenausbaus führt die A3 bald direkt durch die Stadt". Künftig könnten die Flugzeuge mit Brause fliegen, erzählen die jungen Damen den staunenden Zuhörern. Dann hätten sich die Umweltprobleme bald erledigt. Und was den Lärm angehe, gebe es einen Zwei-Stufen-Plan: Bis die Flugzeuge so leise seien, "dass man sie überhaupt nicht mehr hört", werde über der Stadt eine Glasglocke errichtet.
Ein neuer Werbegag von Fraport oder Pro Flughafen? Keineswegs. Die drei "Stewardessen" waren Schauspielerinnen, der vermeintliche Infostand eine "politischen Kunstaktion" im Rahmen des Kultursommer-Programms. Die Aktion war als Satire gegen den Flughafenausbau gedacht - eine tolle Idee, ein voller Erfolg.
Doch die meisten Bürger haben's nicht gemerkt. Von den 300 Besuchern am Stand hätten "höchstens 30 kapiert, dass das eine Satire war", erzählten die Darstellerinnen und fanden das ziemlich erschreckend. Ebenso wie die Tatsache, dass sich viele der Gesprächspartner von den vorgetragenen "Argumenten" für den Ausbau überzeugen oder sogar umstimmen ließen. Doch auch Ausbaugegner gingen der Performance auf den Leim.
Mit dem ursprünglichen Zweck hätte die Aktion am Ende kaum noch etwas zu tun gehabt, kommentierten die Schauspielerinnen. "Da ging es mehr darum: "Wie funktioniert Werbung? Und was können sympathisch lächelnde junge Damen in netten Kostümen, die Orangensaft ausschenken und Werbeartikel verteilen, alles verkaufen?" Offensichtlich fast alles. Und das, obwohl die Aktion in der Zeitung beschrieben war, solange sie noch lief.
Und wo hat das alles stattgefunden? Nein, nicht in Ostfriesland. Auch nicht im äußersten Nordhessen, wo einige Leute vielleicht noch nie ein Flugzeug oder eine Fraport-Reklame gesehen haben. Sondern in Rüsselsheim. Kommune in unmittelbarer Nähe des Flughafens. Betroffen vom Fluglärm. Betroffen von den Ausbauplänen. Mit einem Bürgermeister, der sich aktiv gegen den Flughafenausbau engagiert. Sitz des Bürgerbüros des Regionalen Dialogforums. An Informationen zum Flughafenausbau sollte es hier wirklich nicht fehlen. Doch Information ist gut - Werbung ist besser.
Trotz allem hat die Aktion den Künstlerinnen großen Spaß gemacht. Was sie sich wünschen: dass die Leute mehr darüber nachdenken, wo sie mitmachen, was sie unterschreiben und was sie von den Dingen glauben, die ihnen erzählt werden. Das Video von der Aktion wird jetzt zu einem Dokumentarfilm verarbeitet. Vielleicht wird der Stand auch noch in weiteren Städten aufgebaut. Dann wird man wahrscheinlich feststellen: Rüsselsheim ist überall.
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