Wie sicher lebt man unter einer Flugroute?
Flugzeugabsturz - auch eine Gefahr für die Menschen am Boden
Von: @cf <2005-08-02>
Wenn ein Flugzeug abstürzt, sind nicht nur die Insassen des Flugzeugs betroffen, sondern auch die Menschen am Boden. Wie wird dieses Risiko bewertet?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Ihren Auto auf einer Straße in der Nähe eines Flughafens entlang. Plötzlich wird Ihr Auto von einem herabstürzenden Flugzeug (-teil) getroffen und geht in Flammen auf - eine extrem unschöne Vorstellung. Zum Glück absolut unwahrscheinlich? Ja! Unmöglich? Nein!

Denn das Unmögliche ist passiert - vor 20 Jahren und hier, beim Frankfurter Flughafen. Am 22. Mai 1983, einem Pfingstsonntag, stürzt ein Starfighter nahe dem Waldstadion an der Mörfelder Landstraße ab. Die brennenden Trümmer fallen auf das Auto der Pfarrersfamilie Jürges, die gerade zufällig an dieser Stelle vorbeifährt. Die ganze Familie wird getötet. Was wäre gewesen, wenn das Flugzeug auf den ganz in der Nähe stattfinden Wäldchestag gestürzt wäre?

Wenn ein Flugzeug abstürzt, sind nicht nur die Insassen des Flugzeugs betroffen, sondern auch die Menschen am Boden. Das Flugzeug selbst oder herabstürzende Trümmer können am Boden Menschen treffen und Gebäude zerstören. Besonders gefährlich ist es, wenn das Kerosin in Brand gerät und ein Großfeuer verursacht. In Amsterdam raste 1992 eine Frachtmaschine beim Absturz in eine Hochhaussiedlung. Während an Bord des Flugzeuges nur die zwei Piloten getötet wurden, verbrannten in den zerstörten Hochhäusern mehr als 200 Menschen. Bei einer Flugschau in Ramstein stürzte nach einer Kollision ein Flugzeug in die Zuschauermenge und explodierte: 70 Tote und 500 Verletzte.

Da die meisten Flugunfälle bei Start und Landung, also nahe am Flughafen passieren, ist das Risiko, am Boden durch einen Absturz zu Schaden zu kommen, je größer, je näher man am Flughafen und an den Start- und Landerouten ist. Über einem dichtbesiedelten Gebiet hat ein Absturz natürlich viel schlimmere Folgen als über unbewohntem Gelände. Wer direkt unter An- und Abflugrouten wohnt, ist besonders gefährdet, weil bei Landung und Start die meisten Unfälle passieren.

Zur Einschätzung der Gefahr für die Menschen am Boden, bei einem Flugzeugabsturz zu Schaden zu kommen, benötigt man zunächst das Absturzrisiko für ein bestimmtes Gebiet - wie zum Beispiel das Gelände des Chemiewerks Ticona.

Solche Berechnungen sind nicht einfach, die globale Statistik nützt hier wenig. Man kann auch nicht (wie im Straßenverkehr) einfach von der Unfallhäufigkeit an einer bestimmten in der Vergangenheit auf die Häufigkeit in der Zukunft schließen - dazu passiert an einem ganz bestimmten Punkt viel zu selten etwas. Daher versucht man, ähnliche Gebiete wie das zu untersuchende Gebiet zu finden und die Flugunfälle dort zusammenzufassen, um eine ausreichend breite statistische Basis zu haben.

Im Fall Ticona handelt es sich um das Absturzrisiko im nahen Umfeld des Flughafens. Zur Risiko-Schätzung zieht man also die Flugunfälle an anderen, möglichst vergleichbaren Flughäfen heran. Je nachdem, welche und wieviele Flughäfen und welche Art Unfälle man in diesen Vergleich einbezieht, können die Ergebnisse recht unterschiedlich ausfallen, wie man an den diversen Risikowerten sieht, auf die verschiedene Gutachten im Fall Ticona gekommen sind. Die Zahl der Flugunfälle an einem bestimmten Flughafen hängt - außer vom Zufall - von zahlreichen Faktoren ab: so spielen die technische Ausstattung des Flughafens, die Zahl der durchgeführten Flugbewegungen, die praktizierten Flugverfahren, die Art der Flugzeuge, die den Flughafen anfliegen, und deren Sicherheitsniveau eine wichtige Rolle. Ein kleiner Flughafen kann z.B. einen höheren Risikowert haben wie ein sehr großer Airport mit weit mehr Bewegungen. Denn an einem kleinen Flughafen starten viel mehr kleine Flugzeuge, und die verunglücken öfter als große.

Hat man das Absturzrisiko für ein Planquadrat geschätzt, muss man noch wissen, wieviele Menschen sich dort (ebenfalls im statistischen Mittel) aufhalten, um den gesamten Umfang des Schadens abzuschätzen. In einem Bürogebäude wären das natürlich viel mehr als auf einem Acker. Die Angabe des Einzelrisikos ("wieviele Jahre muss sich jemand an einer bestimmten Stelle aufhalten, bevor ihm ein Flugzeug auf den Kopf fällt"), ist zwar für Sie als Einzelperson relevant, reicht jedoch zur Beurteilung der Gefahr nicht aus!

Im Fall Ticona kam die Störfall-Kommission des Bundes zum Ergebnis, es sei mit einem Absturz etwa alle 25000 Jahre zu rechnen. Würde ein Flugzeug auf das Chemiewerk stürzen, würde das Werk wahrscheinlich komplett zerstört und es wäre mit mindestens 100 Toten zu rechnen; bei Ticona arbeiten etwa 1000 Menschen. Das Gesamtrisiko hielt die Störfall-Kommission für deutlich zu hoch.

Der "Deutsche Fluglärmdienst" hat mit Hilfe von Daten aus den vorliegenden Risiko-Gutachten analysiert, wo außer Kontrolle geratene Flugzeug abstürzen. Dazu wurden die Absturzstellen zahlreicher Unfälle an Flughäfen relativ auf einen Plan des Frankfurter Flughafenumfelds (im Fall eines Ausbaus mit einer Nordwest-Bahn) projiziert. Man sieht hier sehr anschaulich (und ohne Mathematik), welche Stellen besonders gefährdet sind.

Das tragbare Risiko für die Menschen am Boden müsste eher noch strenger betrachtet werden als das Risiko für die Flugzeuginsassen, da sie sich das Risiko nicht freiwillig ausgesucht haben ("externes Risiko"). Die potentiell gefährlichen An- und Abflugrouten sollten daher nicht nur wegen des Lärmschutzes, sondern auch wegen des Risikos nicht über dicht besiedeltes Gelände (und natürlich auch nicht über Störfallbetriebe) führen - egal ob die berechnete Wahrscheinlichkeit noch tolerabel erscheint oder nicht. So kann zwar nicht die Absturzhäufigkeit, aber doch das Schadensausmaß verringert werden.

Themen hierzuAssciated topics:

Absturz-Gefahr Risiko Sicherheit / Unversehrtheit Sicherheit im Luftverkehr

Das könnte Sie auch interessierenFurther readings:
Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
Was sagt das Grundgesetz (im Artikel 2) dazu ?
Von: @PFV <2002-05-31>
   Mehr»
Störfall-Kommission der Bundesregierung prüft Ausbau-Varianten
Steht die Ticona der Nordwestbahn im Weg?
Von: @cf <2003-02-18>
   Mehr»
Flugunfälle in Deutschland
Viele Zwischenfälle in der Statistik der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung
Von: @VBe <2003-03-17>
   Mehr»
Triebwerksbrand nach Start in Frankfurt!
Presseinfo des Bündnis der Bürgerinitiativen
<2000-08-14>
   Mehr»
Flughafen-Planer unterschätzen Sicherheitsrisiko!
BUND fordert Abbruch des Raumordnungsverfahrens
Von: @(BUND Hessen) <2002-01-16>
   Mehr»
EU-Kommission prüft Ausbaupläne für Landebahn Nordwest
Landebahn neben Chemiewerk - ein Verstoß gegen die Seveso-Richtlinie?
Von: @cf <2003-09-18>
   Mehr»
airdisaster.com
"Alles" über Flugzeugunfälle ...
Von: @VBe <2003-07-01>
   Mehr»
Luftfahrt-Bundesamt lehnt Beschwerde der BFU ab
Risiko kein Faktor bei Festlegung der Flugrouten?
Von: @-&lt;[ @ufgeflogen ]&gt;- <2003-12-04>
   Mehr»
Mögliche Absturzstellen beim Landeanflug auf geplante Nordwestbahn
Risiko sichtbar gemacht - eine Analyse des DFLD
Von: @cf <2003-12-01>

Wenn das Unglück am Frankfurter Flughafen passiert wäre - wo wäre das Flugzeug dann abgestürzt? Eine Analyse von Flugunfällen der letzen Jahre zeigt potentielle Absturzstellen auf.
   Mehr»
Deutscher Fluglärmdienst weist Vorwurf der Panikmache zurück
Pressemitteilung vom 14.11.2003
Von: @DFLD <2003-11-14>
   Mehr»
Fraport bestreitet Absturzrisiken auf Bahnhof und Airrail-Center bei Ostanflügen
Pressesprecher Busch: "Nur die übliche Panikmache"
Von: @-&lt;[ @ufgeflogen ]&gt;- <2003-11-14>
   Mehr»
TÜV Pfalz: Absturzrisiko auf Ticona bei 1:10000
Wert "an der Grenze des Akzeptablen" - und nun?
Von: @-&lt;[ @ufgeflogen ]&gt;- <2004-01-10>
   Mehr»
Koch: Landebahn wichtiger als Ticona
Entscheidung für Nordwestbahn steht nicht zur Debatte
Von: @cf <2004-01-29>
   Mehr»
SFK: Ausbauvorhaben Nordwest und Chemiewerk Ticona nicht vereinbar
Pressemitteilung vom 30.01.2004
Von: @Störfall-Kommission <2004-01-30>
   Mehr»
Störfall-Kommission hält Landebahn Nordwest und Ticona für unvereinbar
Ministerpräsident Koch und Fraport bleiben bei ihren Ausbau-Plänen
Von: @cf <2004-01-30>
   Mehr»
Störfall-Kommission (SFK):
beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Von: @PFV <2003-10-07>
   Mehr»
Störfall-Kommission ist gegen neue Landebahn neben Chemiewerk
Fraport und Ministerpräsident Koch halten an Ausbauplänen fest
Von: @cf <2004-02-18>

Die Störfall-Kommission hat entschieden: sie hält den Betrieb des Chemiewerks Ticona und das Ausbauvorhaben Landebahn Nordwest für unvereinbar. Ministerpräsident Koch und Fraport wollen trotzdem an ihren Plänen festhalten.
   Mehr»
Risiko Ticona ? Das "dickere Ende" der Landebahn liegt im Osten !
Sollen die Risiken für viele Tausend Menschen im ICE-Bahnhof, Airrail-Center, den Hotels am Flughafen usw. ignoriert werden ?
Von: @VBe <2004-03-06>

Das Ticona-Werk ist nicht mit der geplanten Landebahn im Nordwesten des Frankfurter Flughafens vereinbar. Doch im Osten gäbe es ein noch viel größeres Risiko:
Während sich im Ticona-Werk "nur" ca. 1000 Menschen aufhalten sind es auf der Gegenseite der Landebahn im ICE-Bahnhof, dem Airrail-Center den Hotels am Flughafen usw. viele Tausend Personen.
   Mehr»
Brüssel prüft EU-Beschwerde der BfU-Eddersheim
Pressemitteilung vom 18.06.2004
Von: @BI für Umweltschutz Eddersheim <2004-06-18>
   Mehr»
Risiko Ticona: Das Verfahren der EU-Kommission
Informationen, Berichte und Kommentare
Von: @cf <2006-11-01>
Beim Planungsverfahren für den Flughafenausbau wurde nach Ansicht der EU-Kommission gegen die Seveso-Richtlinie verstoßen: es wurde nicht beachtet, dass die geplante Landebahn Nordwest zu nahe am Störfallbetrieb Ticona liegt. Deswegen hat die Kommission ein Verfahren gegen Deutschland eingeleitet.   Mehr»
Ticona: Absturzrisiko auch heute schon zu hoch
Neues Gutachten fordert die Verlegung der Flugroute
Von: @cf <2004-09-10>
Die Kurzfassung eines neuen Gutachtens, bei dem das Risiko durch aktuelle Überflüge des Chemiewerks Ticona untersucht wird, liegt beim RP vor: das Risiko ist ähnlich wie bei der geplanten Nordwestbahn. Der Gutachter schlägt die Verlegung der Flugroute vor - die Landesregierung will nicht !   Mehr»
Risiko Ticona: Die Entscheidung der Störfall-Kommission
Informationen, Berichte und Kommentare
Von: @cf <2005-07-01>
Die Störfall-Kommission hat entschieden, dass der Betrieb des Chemiewerks Ticona und die geplante Nordwestbahn wegen des zu großen Risikos nicht miteinander vereinbar sind. Die Landesregierung will die Nordwestbahn trotzdem bauen, notfalls will man Ticona enteignen. Wie wird der Streit ausgehen?    Mehr»
Die Bildrechte werden in der Online-Version angegeben.For copyright notice look at the online version.

Bildrechte zu den in diese Datei eingebundenen Bild-Dateien:

Hinweise:
1. Die Bilder sind in der Reihenfolge ihres ersten Auftretens (im Quelltext dieser Seite) angeordnet.
2. Beim Anklicken eines der nachfolgenden Bezeichnungen, wird das zugehörige Bild angezeigt.
3, Die Bildrechte-Liste wird normalerweise nicht mitgedruckt,
4. Bildname und Rechteinhaber sind jeweils im Dateinamen des Bildes enthalten.